Diesen Artikel an Freunde versenden
Email des Empfängers:
Email des Senders:
Name des Senders:

Schuld, Aufrichtigkeit, Erinnern – zum 70. Jahrestag des Kriegsendes
In Frankfurt am Main fand heute in der Paulskirche eine Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges statt. Der Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt Peter Feldmann begrüßte in der Wandelhalle ca. 100 geladene Gäste, darunter auch Überlebende der Judenverfolgung, Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften, den amerikanischen Generalkonsul Kevin C. Milas sowie Kollegen aus dem Bundesrat.

Diese für die Frankfurter aber auch für die nationale Geschichte wichtige Zäsur nutzte Feldmann, um am Beispiel Frankfurts an die Situation zu erinnern, in der sich viele deutsche Städte befanden, als die Alliierten 1945 eintrafen. Ein Drittel des Wohnraums war zerstört, nur noch 200.000 Menschen lebten zum Zeitpunkt der Befreiung in Frankfurt. 13.000 Juden waren von Frankfurt aus in Konzentrationslager deportiert worden. Noch kurz vor Kriegsende ließ die Gestapo Menschen nach Theresienstadt transportieren; es waren Juden, Ehepartner oder Kinder aus sogenannten „Mischehen“, die bisher überlebt hatten.

Diese Menschen starben nicht in Frankfurt, doch dort begann die Diskriminierung und Ausgrenzung. 1.600 Zwangsarbeiter mussten in den Adlerwerken arbeiten. Sie waren Teil des alltäglichen Stadtbildes, für alle sichtbar. Das NS-Regime beruhte auf der Zustimmung der Bürger. Und auch als der Krieg beendet war, so war das Geschehene nicht ausgelöscht. Der Tag der Befreiung war keine „Stunde null“; die deutsche Gesellschaft war immer noch dieselbe. Jedoch wollten viele sich nicht mehr an die Gewalttaten erinnern, die sie begangen, unterstützt oder ignoriert und zugelassen hatten.

Es ist Rückkehrern wie Fritz Bauer und Max Horkheimer zu verdanken, dass eine Auseinandersetzung mit den Tätern erfolgte. Als Generalstaatsanwalt klärte Bauer Naziverbrechen auf und setzte sich für eine Veränderung im Umgang mit Strafgefangenen ein. Horkheimer eröffnete 1950 das Institut für Sozialforschung an der Frankfurter Goethe Universität wieder. Er kritisierte u. a. die personellen Kontinuitäten in Ämtern der Justiz, Ministerien, Wirtschaft etc., die nach dem Zweiten Weltkrieg fortbestanden.

40 Jahre dauerte es, bis eine neue Definition des Kriegsendes stattfand. Verdrängung und Vergessen sollten die deutsche Gesellschaft nicht länger aus der Verantwortung entlassen. Es war der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der am 8. Mai in seiner Rede zur Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestages zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa sagte: „Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren. […] Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit.“

Im Zuge des rassenideologischen Fanatismus der Nationalsozialisten wurden ca. 6,3 Millionen Juden systematisch getötet. Mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderung wurden ebenso systematisch vernichtet. Über 350.000 Menschen mit Behinderung wurden zwangssterilisiert. Unzählige mehr kamen durch Hunger, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und andere Gräueltaten ums Leben.

Der Zweite Weltkrieg forderte staatenübergreifend ca. 65 Millionen Opfer, mehr als die Hälfte davon waren Zivilisten.


<< Zurück Seite drucken Diesen Artikel per Email versenden